Seebestattung
(Das Meer als letzte Ruhestätte)

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Während der gesamten Menschheitsgeschichte legten alle Kulturepochen großen Wert auf eine würdige Bestattung ihrer Toten. Die Art der Bestattung und die Bestattungsriten hängen insbesondere von den religiösen Vorstellungen über das Schicksal der Toten ab. So wird durch oder in allen vier Elementen (Wasser, Erde, Luft und Feuer) bestattet.

Zu Urzeiten, als weder Feuer noch geeignete Werkzeuge erfunden waren, um Gräber auszuheben, erfolgte die Bestattung vor allem durch Luft-Bestattungen (Aussetzen zum Fraß der Tiere, Eintrocknen der Leichen oder Einbalsamierung wie in Ägypten) oder durch das Übergeben des Leichnams in Flüsse oder das offene Meer.

Erst später kamen die Bestattungen durch Leichenverbrennung oder die Erdbestattung (seit der Bronzezeit zumeist in einem Sarg) hinzu. Die Art der Bestattung wurde seinerzeit jedoch nie vom Verstorbenen zu seinen Lebzeiten, sondern immer durch seine Nachwelt bestimmt. Somit gehört die Seebestattung zu den ältesten Bestattungsformen und ist nachweislich älter als die heute übliche Feuer- oder Erdbestattung. Die Wikinger und andere seefahrende Völker haben zu allen Zeiten ihre Toten auf einem voll ausgerüsteten Schiff den Wellen und damit ihrer gewohnten Umwelt – der See – übergeben.

Seebestattungen waren auch noch zu jenen Zeiten üblich, als man mit Segelschiffen die Weltmeere befuhr und bei einem Todesfall schon aus hygienischen Gründen die Leiche nicht solange mitführen konnte, bis der nächste Hafen angelaufen wurde. Früher wurde dann dem toten Seemann von „Blau“, also dem Zimmermann an Bord, ein schlichter Holzsarg gezimmert. Bewacht von einem Kameraden, stand der Sarg eine Nacht lang auf dem Achterdeck, bevor man anderntags beidrehte, ein Boot aussetzte, und nach einer schlichten, feierlichen Andacht den mit Eisen beschwerten Holzsarg vom Boot aus dem Meer übergab. Seit fast hundert Jahren ist es nun aber Schiffsbrauch, die Toten zu bestatten, wie man es noch in alten Kinofilmen sehen kann. Der Tote wird in Segeltuch genäht, am Fußende beschwert und auf einem Lukendeckel so aufgebahrt, daß die Füße der Reling zugewandt sind. Die Nationalfahne bedeckt den Leichnam. Während der Kapitän vor versammelter Mannschaft eine kurze Ansprache hält, weht die Schiffsflagge auf Halbmast. Die kurze Andacht schließt mit einem Vaterunser. Zwei Mann heben nun das Kopfende der Bahre und unter der Flagge gleitet der Tote über die Reling hinaus in die weite See. Dies vollzieht sich immer auf der Steuerbordseite eines Schiffes. Auf der Backbordseite werden Viehkadaver über Bord gegeben.

Auch heute können in Einzelfällen derartige Seebestattungen vorkommen, speziell bei Besatzungsmitgliedern von Seeschiffen. Denn im Seemannsgesetz heißt es: „Ist ein Besatzungsmitglied an Bord verstorben, so hat der Kapitän für die Bestattung zu sorgen… Ist die Bestattung auf See erforderlich, so ist sie in einer würdigen Form vorzunehmen.“

Generell ist es aber gesetzlich nicht gestattet, einen Leichnam zu versenken. So verbleibt ein verstorbener Fahrgast in einem Zinksarg und gekühlt an Bord eines Schiffes und muss dann im nächsten Hafen der Kriminalpolizei übergeben werden. Eine Obduktion ist wegen der (theoretischen) Möglichkeit eines Verbrechens auf See vorgeschrieben.

Dass im Anschluss an eine Einäscherung des Verstorbenen dennoch eine spätere Bestattung auf See möglich ist, ist der jeweiligen gesetzlichen Regelung der einzelnen Staaten zu verdanken. In Deutschland beispielsweise dem § 9, Absatz 3 des Feuerbestattungsgesetzes von 1934, wonach eine Ausnahmegenehmigung beim Ordnungsamt der Stadt eingeholt werden kann, wenn der Wille für eine Seebestattung von den Angehörigen glaubhaft gemacht wird oder eine entsprechende, persönliche Erklärung vorliegt. Diese persönliche Erklärung kann bei den entsprechenden Bestattungsinstituten, die Seebestattungen durchführen, neben anderen Informationen angefordert und dann dort für den eintretenden Fall hinterlegt werden. Der Wortlaut könnte sein: „Hiermit gebe ich meinen Willen kund, dass die Bestattung meiner Urne auf See erfolgen soll, da ich mich dem Meer verbunden fühle.“

Somit kann man also (im Gegensatz zu früheren Zeiten) bereits zu Lebzeiten die Form der eigenen Bestattung festlegen. Bei Kapitän Horst Hahn von der Seebestattungs-Reederei-Hamburg liegen allein ca. 18.000 Reservierungen vor.

Gründe für eine Seebestattung gibt es viele. Mag es zuerst nur der Wunsch von Seeleuten gewesen sein, auch im geliebten Element die letzte Ruhe zu finden, so sind heutzutage die Gründe mannigfach. Kapitän Horst Hahn von der Seebestattungs-Reederei-Hamburg berichtet, dass die Gründung seiner Reederei im Jahre 1975 besonders auf geflüchtete Ostdeutsche der ehemaligen DDR und speziell aus Ostpreußen zurückzuführen ist, die durch eine Seebestattung in der Ostsee zumindest auf diese Art der entrissenen Heimat und ihren dort Verstorbenen näher kommen wollten.

Seebestattungen werden aber auch von vielen Alleinstehenden gewünscht, die keine Angehörigen haben, die sich um ein Grab kümmern würden, oder von alleinstehenden Witwen, deren Ehemänner verschollen, gefallen oder im Ausland gestorben sind.

Umgekehrt ist das Grab auf dem Meeresgrund der letzte Wunsch vieler Auswanderer aus den USA, Südafrika oder Australien. Und nicht zuletzt sind auch finanzielle Gründe ausschlaggebend: Statistiker haben errechnet, daß eine Grabstelle an Land in zehn Jahren (einschließlich Beisetzung, Grabpflege, Fahrtkosten) rund Euro 6.000 kostet. Die einmaligen Kosten einer Seebestattung hingegen belaufen sich auf ca. Euro 1.700 .

Die Interessenten kommen nach Auskunft aus allen Bevölkerungsschichten und Berufen, auch einige Priester sind darunter. Zudem Interessenten aus den Niederlanden, Österreich, Belgien, der Schweiz und dem weiteren Ausland. Rund 90% der Bestattungswünsche teilen sich im Verhältnis 40:60 auf Nord- und Ostsee.

10 Prozent entscheiden sich für fremde Meere wie Mittelmeer, Indischer Ozean oder Pazifik

Prominente, die sich in ihren Ländern für eine Seebestattung entschieden haben sich unter anderen: Schauspieler Erik Ode, Hans Söhnker, die griechische Sopranistin Maria Callas, Philippe Cousteau, die schwedische Filmschauspielerin Ingrid Bergmann, John F. Kennedy jr. und viele mehr.

Jährlich werden ca. achttausend Urnen der See übergeben. Der deutsche Gesetzgeber schreibt vor, daß die Urne nicht im Geltungsbereich der 3 Meilen Zone vor der Bundesrepublik Deutschland, also dem bundesdeutschen Küstenmeer abgesenkt werden darf, sondern nur in einem Gewässer, in dessen Bereich die Beschaffenheit des Meeresbodens keine Fischerei (z.B. Schleppnetz-Fischerei) zulässt, oder an sedimenthaltigen Stellen.

Diese Regelung stammt allerdings noch aus einer Zeit, in der Beton-Urnen verwendet wurden. Heute bestehen die vorgeschriebenen Aschenamphoren aus Materialien, die sich auflösen und nach einiger Zeit die Asche freigeben. Die jedoch am Meeresboden als kleiner Hügel verbleibt und von den Schwebeteilchen des Meeres zugedeckt wird, so dass dort ein regelrechter Friedhof entstanden ist.

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Der Friedhof auf dem Meeresboden, eine stille Landschaft. Die Urne ist aufgelöst und der Aschehügel von den Schwebeteilchen des Meeres zugedeckt. Eine Aurelie, Seesterne und Muscheln wachen am Grab.

Die Öko-Urne

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In 50 Prozent und mehr der Fälle begleiten keine Angehörigen oder Freunde des/der Verstorbenen die letzte Fahrt. Bei denjenigen aber, die einmal ein derartiges Zeremoniell miterlebt haben, wird es einen unvergesslichen, tiefen Eindruck hinterlassen. Kapitän Horst Hahn: „Die Bestattung ist an und für sich kein kirchlicher Akt; da aber jedes Mitglied einer Religionsgemeinschaft ein Recht auf Mitwirken der Kirche hat, hat es sich eingebürgert, daß eine Bestattung nach kirchlichem Zeremoniell stattfindet. Ist aber nicht ausdrücklich eine Bestattung unter Mitwirkung der Kirche verlangt, wird zurückgegriffen auf die ursprüngliche Form der ,stillen‘ Beisetzung, wie sie übrigens auch an Bord von Handelsschiffen durchgeführt wurde.“

Eine Seebestattung vollzieht sich z.B. wie folgt:

Vom Heimathafen Lübeck-Travemünde auslaufend, verlässt das Schiff „Farewell“ nach kurzer Zeit die Fahrrinne der großen Fähren und Schiffe und steuert in ruhige Gewässer der westlichen Ostsee. Der Kapitän übergab sogar das Ruder an den Ehemann der Verstorbenen, einem versierten Sport-Skipper, der über die nötigen Erfahrungen verfügte, um somit eigenhändig auf der allerletzten Fahrt außerhalb der 3 Meilen Zone die endgültige Position anzulaufen. Auf der Position 54°N 10°E stoppt das Schiff. Ruhe herrscht rundum. Nur Wellen klatschen rhythmisch gegen den Schiffsrumpf, eine Möwe fliegt über das Schiff. Es riecht nach Wasser und Meer. Die Sonnenstrahlen spiegeln sich im leichten Wellengang. Der Matrose setzt die Schiffsfahne auf Halbmast und der Kapitän stellt sich an Deck neben die blumengeschmückte Urne. Die Abschiedsworte an die Verstorbene stammen von einem Dichter, der an der Nordsee lebte:

Ewiger Wellengang flüchtiger Zeit:

Aufstieg und Niedergang, Freude und Leid.
Lacht Dir der Sonne Licht heute gar hell,
Weißt Du um’s Morgen nicht –
Leid schreitet schnell.
Ewiger Wellengang rausche dahin.
Aufstieg und Niedergang, alles hat Sinn.
-Friede Deiner Asche-

Nach altem Seemannsbrauch wird die Schiffsglocke angeschlagen. Die das Ende einer Seewache anzeigenden vier Doppelschläge ertönen und gleichzeitig wird die Urne zu Wasser gelassen.

Während die Urne absinkt, schwimmen die Blumen auf dem Meer, die Angehörigen übergeben als letzten Gruß weitere Blumen in die See. Als die Maschine nach einer langen Schweige- und Gedenkminute beschleunigt wird, beschreibt das Schiff mit harter Ruderlage und „Kleiner Fahrt voraus“ einen Kreisbogen um diese Stelle. Das Wasser innerhalb dieses Kreises, in dessen Mittelpunkt noch die Blumen schwimmen, ist spiegelglatt – wie eine Insel inmitten der nur leicht gekräuselten Ostsee.

Farewell